Zwischen uns

Ich hatte es selbst das erste Mal seit Jahren gewagt, mein Glashaus zu verlassen, und sie war allein für mich von ihrem Turm herabgestiegen.

So stand sie also vor mir. Ihren Helm hatte sie abgenommen, so konnte ich wenigstens mit ihr sprechen. Ihr Gesicht war so schön, ihre Stimme so rein und ihre Worte so klug, dass ich wild entschlossen war, ihre Panzerung nicht zu durchbrechen sondern ihr zu helfen, sie abzulegen.
Ich fing also an, ihren Schutz, der sie gleichermaßen auch unbeweglich werden ließ, nach Schwachstellen abzusuchen. Voller Freude über die sich bietende Möglichkeit wollte ich mich daran machen, eine Verschraubung an ihrer Brustpanzerung zu lösen, doch ihre Blicke blieben Skeptisch. Ohne ihren Panzer wäre sie wehrlos, meinte sie – aber auch unbeweglich, war mein Einwand.
Nach langer Diskussion machte ich die äußerste Schicht ab. Zu meinem Erschrecken lagen noch viele Schichten darunter. An ihr innerstes zu kommen, wird lange lange dauern. Nicht so schlimm. Wir haben Zeit. Alle Zeit der Welt.

In einer ruhigen Minute, als wir beide einfach das Zu-zweit-sein genossen, musterte sie mich. Irgendetwas schien ihr aufgefallen zu sein, jedenfalls betastete sie meine Haut, oder besser: die Stellen, an denen sich meine Haut seit Jahren zu einem Panzer verdickte. Ob sie mir diese Stellen herausschneiden dürfe, fragte sie mich. Es wird bluten, sagte ich, und wehtun. Du wirst es überleben, sagte sie. Warum, fragte ich. Sie lächelte nur und gab mir keine Antwort.

Tagelang hatte ich Angst, sie würde es einfach machen, während ich schlief. Tagelang hoffte ich, sie würde es dann tun. Seither träume ich jede Nacht, dass ich aufwache und mich leichter fühle als sonst. Und nur einen kleinen Blutflecken auf meinem Bett sehe, der mir zeigt, dass es geschehen ist. Aber im Traum fühle ich keine Schmerzen, sondern unglaubliche Freude und Erleichterung. Im Traum umarme ich sie. Dann erwache ich, weil meine Hornhäute schmerzen.

~ von elmanocornuto am 27. Mai 2008.

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